Interview

Heiler bewerten: notwendig und möglich

Auszüge aus einem Interview des Verlegers Dieter Wiergowski mit dem IVH-Gründer Harald Wiesendanger (HW) anlässlich der Neuerscheinung seines Buchs Heilen „Heiler?“ (Infos). Veröffentlicht in der Zeitschrift Die Andere Realität (D.A.R.) 1/08, deren Chefredakteur Wiergowski ist.

D.A.R.: Wenn ich eine Krankheit habe, wer hat sie Ihrer Ansicht nach "kreiert"?

Harald WiesendangerHW: Kreiert werden Kleidermoden, Parfums, Kunstwerke. Bei gesundheitlichen Problemen umgehend nach einem "Schöpfer" zu fahnden, führt nach meinem Geschmack voreilig ins Metaphysische.

D.A.R.: Sie sind also der Ansicht, dass es nicht sinnvoll ist, die Ursache einer Krankheit finden zu wollen?

HW: Natürlich bin ich für Ursachenforschung. Bloß ist mir in diesem Zusammenhang das Stichwort "Schöpfer" suspekt. Worauf ich hinaus will: Krankheit ist ein Zustand, der wie jeder andere eingeflochten ist in ein schwindelerregend komplexes Netz von Faktoren, deren Zusammenspiel ihn erzeugt. Noch verwirrender wird die Sachlage dadurch, dass dieses Netz bloß teilweise allgemeiner Natur, in größeren Teilen aber individuell ist - woran es liegt, dass ein paar Jahrtausende Heilkunde so enttäuschend wenige Universaltherapien hervorgebracht haben. In diesem Bedingungsgeflecht jemandem zu "dem Kreator" zu ernennen, fördert eine monokausale Sichtweise und verleitet dazu, den ganzen Rest zu vernachlässigen. Scheitert beispielsweise eine "Geistheilung", so liegt das nie bloß am Patienten. Ebensowenig ist es allein der Heiler, der die Geistheilung "kreiert" hat, wenn sie gelingt.

D.A.R.: Hier tätigen Sie mehrere Glaubensäußerungen. Ich möchte der Reihe nach "nachhaken". Sie schreiben, dass, wenn eine "Geistheilung" scheitert, dies nie bloß am Patienten liegt. Woher wissen Sie das?

HW: Weil immer eine Chance besteht, Therapiehindernisse zu beseitigen, die der Patient womöglich mitbringt - einmal abgesehen von Fällen, in denen er sich massiv verweigert und das Behandlungskonzept sabotiert, oder bei Beeinträchtigungen wie zum Beispiel genetischen Defekten, die unsere natürlichen Selbstheilungskräfte überfordern. Denn diese sind es vermutlich, die beim Geistigen Heilen angeregt werden. Qualitätsunterschiede zwischen Heilern bestehen unter anderem darin, in welchem Maße sie imstande sind, besagte Chance zu nutzen, sei es mit psychologischen oder "energetischen" Mitteln.

D.A.R.: Wenn ein Geistheiler nur die Hände auflegt und über keinerlei psychologischen Hintergrund verfügt sowie gar nicht interessiert ist, auf Ursachen hinzuweisen bzw. diese zu erkunden oder den Patienten anzuregen, diese zu entdecken - inwieweit besteht hier die Chance, zugrunde liegende Hindernisse beim Patienten aufzulösen?

HW: Verblüffenderweise lösen sie sich unter den Händen manches Heilers früher oder später spontan auf. Wenn nicht, gelingt es guten Heilern im Laufe mehrerer Sitzungen oftmals, sie abzubauen, wobei Zuwendung, Anteilnahme und kommunikatives Geschick eine Rolle spielen. Dazu bedarf es keineswegs immer einer psychologischen Vorbildung. Mehrere Studien deuten provokanterweise darauf hin, dass psychologische Laien nicht zwangsläufig weniger zustande bringen als ausgebildete Psychotherapeuten.

D.A.R.: Diesbezüglich habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Manche Patienten kenne ich nun schon über 25 Jahre. Davon gibt es immer noch welche, die von Heiler zu Heiler gehen, weil teilweise zunächst leichte Besserungen da sind, aber das Ganze dann immer wieder kommt oder sich anders im Körper manifestiert. Früher habe ich selbst für einen philippinischen Heiler, der regelmäßig nach Deutschland kam, übersetzt. Genau dasselbe: Hier gab es zunächst scheinbar verblüffende Erfolge bei vielleicht fünf oder sechs Patienten von 100. Aber nach zwei Jahren war bei diesen Bekannten von mir alles wieder so, wie es vorher war. Dies ist der Grund, warum wir von der Redaktion Die Andere Realität einen Schwerpunkt, der damals auf dem Geistigen Heilen lag, verlagert haben. Wir beschäftigen uns vornehmlich mit der Vorsorge, so dass Krankheiten in dem Maße gar nicht mehr auftauchen müssen. Konkret: Jeder glaubt ja etwas und hat hunderte von Glaubensmustern in sich. Manche sind hilfreich bezüglich Gesundheit, manche nicht. Diejenigen, denen es gelingt, nicht hilfreiche Glaubensmuster wie beispielsweise "Ich bin schuldig" (das Entstehen von Schuldgefühlen ergibt sich ja oftmals in unserer christlich-kirchlichen Tradition) aufzulösen, erfreuen sich mittlerweile erstaunlicher Gesundheit. Also konkret: Ich persönlich bezweifle die mittel- und langfristige Wirksamkeit von Geistheilung allein. Auch in England, der Wiege der Geistheilung, gibt es meines Wissens nach in der Gesundheitsstatistik keinerlei Besserung im Laufe der Jahre. Wie ist Ihr Kommentar?

HW: Grundsätzlich traue ich nur Statistiken, die ich selber gefälscht habe. Aber Scherz beiseite: Sie haben recht, es besteht eine gewaltige Forschungslücke bezüglich der Frage, wie nachhaltig jene Genesungen sind, zu denen es in Heilerpraxen ab und zu kommt. Mir ist eine einzige, nun schon 20 Jahre alte Studie bekannt, bei der Patienten nicht nur unmittelbar nach ihrer letzten Heilsitzung, sondern nochmals ein halbes Jahr später gefragt wurden, ob die berichteten Besserungen anhielten; das bejahten immerhin zwei Drittel der Behandelten, wobei die Auskünfte erwartungsgemäß je nach vorliegender Diagnose extrem variierten. Bei Patienten, die ich in den neunziger Jahren in ärztlich kontrollierte Heilertests einbezogen hatte, fragte ich später vereinzelt nach, dabei erlebte ich wiederholt erfreuliche Überraschungen: Asthma bronchiale, Neurodermitis, ein bösartiger Hirntumor waren auch 16 Jahre später nicht wiedergekehrt, eine schwere Nahrungsmittelallergie auch 7 Jahre später noch nicht, Dauermigräne und Drehschwindel auch 3 Jahre später noch nicht. Andererseits kenne ich ebenso wie Sie zahlreiche Heilerklienten, die früher oder später Rezidive erlebten - was ich allerdings nicht in erster Linie ihren Heilern anlasten würde, ebensowenig wie einem Onkologen, wenn ein Tumor, der nach OP, Bestrahlung oder Chemotherapie verschwunden war, irgendwann wiederkehrt.

D.A.R.: Sind bei den gerade erwähnten "Dauerheilungen" eventuell andere Krankheiten an Stelle der Ursprungskrankheit getreten? Haben Sie dies auch einmal erfragt?

HW: Klar, auch ich war da neugierig. In keinem erwähnten Fall fand ich Hinweise auf irgendeine "Symptomverschiebung", die Betreffenden waren allem Anschein nach kerngesund. Eine "Dauerheilung" würde ich trotzdem nicht unterstellen - was ist in einer begrenzten Lebensspanne schon von Dauer?

D.A.R.: Nicht hilfreiche Glaubensmuster auflösen kann meiner Ansicht nach niemand für mich, sondern es liegt an einer Selbsterkenntnis. Es gilt einen Weg zu finden, Glaubenssätze wie, bleiben wir einfach mal bei dem Satz "Ich bin schuldig", aufzulösen. Sogenannte "Meister" östlicher und westlicher Tradition zeigen uns ja wie es geht. Die Schuldfrage ist im Prinzip ganz einfach aufzulösen - und zwar einfach dadurch, dass ich nicht mehr werte. Dann gibt es kein "Gut" und "Böse" - dann gibt es keinerlei Grund mehr, sich schuldig zu fühlen. Krankheiten gibt es ja genügend, die aufgrund von Schuldgefühlen entstehen. Fällt der Grund für die Krankheit weg - dann kommt sie nicht mehr. Dies sind Aussagen auch von Ärzten, die Ihre Projekte unterstützen. Vor drei Wochen traf ich Dr. Rüdiger Dahlke, der ja alle Krankheiten - ich betone alle Krankheiten - als Symbol der Seele sieht. Er ist regelmäßiger Autor bei Die Andere Realität. Eine weitere Mitarbeiterin bei uns ist die Ärztin und Heilerin Dr. Dagmar Berg, die Ihre Projekte auch unterstützt. Sie sieht es genauso. Eine Geistheilung bringt ihrer Ansicht nach rein gar nichts, wenn der Patient sein Glaubensmuster nicht ändert. Was sagen Sie diesen, Ihren Unterstützern?

HW: Belastende Glaubensmuster auflösen zu helfen, gehört zum Alltag professioneller Psychotherapeuten mehrerer Richtungen. Ganz und gar erfolglos sind sie dabei durchaus nicht, und ich kenne Heiler, die ihnen in dieser Hinsicht nicht nachstehen. Allerdings wird nach meinem Dafürhalten die Rolle solcher Muster bei der Krankheitsentstehung, die Rolle ihrer Beseitigung im Heilprozess maßlos überschätzt, und diese Fehleinschätzung rührt von voreiligen Verallgemeinerungen her. Einerseits fallen auch mir etliche Patientengeschichten ein, in denen Schuldgefühle, verweigerte Lektionen und andere Anzeichen spiritueller Unterentwicklung anscheinend bedeutsam waren. Andererseits weigere ich mich zu glauben, dass Onkel Otto erst die Symbolik der Warze kapieren muss, ehe sie abfallen kann.

D.A.R.: Möglicherweise muss Onkel Otto nicht unbedingt die Warzensymbolik verstehen, aber - so sagt zum Beispiel Dr. Dahlke - es sei immer sinnvoll, eine Krankheit zu deuten und zu verstehen, da es das Bewußtsein des Betroffenen erweitert - außer bei Kindern und Behinderten, wo das ja nicht ohne weiteres möglich ist. Was sagen Sie dazu?

HW: Mir geht der Symbolismus unter manchen Alternativmedizinern und einem Großteil der esoterischen Gesundheitsszene entschieden zu weit. So pauschal und dogmatisch, wie er oft daherkommt, trägt er Merkmale einer Ideologie. Wie gesagt, in manchen Fällen scheinen auch mir "Deutungen" von Krankheiten intuitiv naheliegend und für die Betroffenen hilfreich - in anderen Fällen muten sie hochspekulativ und willkürlich an, wobei sie Patienten mitunter eher verstören, belasten und auf falsche Fährten locken, als ihr Bewusstsein zu "erweitern".

D.A.R.: Die Suche nach "Könnern" auf dem Gebiet der Geistheilung halte ich persönlich für zu einseitig. Viele Patienten wollen sich ihre Krankheiten einfach so abnehmen lassen, ohne selbst etwas zu tun. Dies scheint ja sehr einfach. Ich zahle und dann hat der Arzt oder Heilpraktiker oder Geistheiler mir die Krankheit abzunehmen. So leicht geht es aber offensichtlich nicht. Ich bin sehr wohl für Geistheilung - aber als begleitende Maßnahme. Wichtig fände ich es, den Patienten über die eigene Verantwortung aufzuklären. Ansonsten verleitet das Wort "Könner" wieder dazu, sich alles abnehmen zu lassen. Wie sehen Sie das?

HW: Ansatzweise genauso wie Sie. Zur therapeutischen Beziehung gehört natürlich auch der Patient, er entscheidet mit über das Behandlungsergebnis. Andererseits stoße ich mich an dem Satz: "Jegliche Heilung ist letztlich Selbstheilung", denn Anwender verschaffen sich damit ein bequemes Alibi für jedwedes Versagen. Tatsächlich aber sind manche Heiler deutlich besser imstande als andere, Selbstheilungsprozesse anzuregen, und dieser Beitrag zum Behandlungserfolg entzieht sich durchaus nicht der Bewertung. Faktoren als wechselseitig abhängige Teile eines Systems zu betrachten, erübrigt ja mitnichten die Frage, welchen Beitrag sie zum Ganzen leisten. (Hier folgen Erläuterungen, die dem Abschnitt “Zu einseitig?” unter Häufige Fragen entsprechen.)

D.A.R.: Wenn eine Heilung zustande kommt, lässt es sich Ihrer Ansicht nach dann irgendwie beurteilen, wieviel Prozent nun der Patient an Anteil daran hat und wieviel Prozent der Heiler? Und: Wäre das überhaupt wichtig, wenn dies ginge?

HW: Hier Prozentrechnungen aufzumachen, wäre natürlich Unfug, für eine Bewertung allerdings auch überflüssig. Zum Vergleich: Dass Unterricht nur dann zum Ziel führt, wenn sowohl Schüler als auch Lehrer ihren Teil dazu beitragen, erübrigt nicht die Feststellung, dass es gute, mittelmäßige und miserable Lehrer gibt - und brauchbare Maßstäbe zur Einschätzung ihrer pädagogischen Qualitäten.

D.A.R.: Die nächste Frage wäre natürlich, nachdem wir verschiedene Geistheilungsverbände haben, wer beurteilt, wer ein Könner ist oder nicht? Geht es überhaupt, indem man einseitig vielleicht einen Heiler prüft, ohne den Patienten zu "prüfen"? Gut - manche Heiler haben vielleicht scheinbare kurzfristige Erfolge. Wer prüft das langfristig? Und: Was ist überhaupt ein "Erfolg"?

HW: Eine Behandlung ist erfolgreich, wenn sie das Befinden und möglichst auch den Befund verbessert. Wie langfristig die erzielten Erfolge sind, will die IVH, sobald sie personell entsprechend besetzt ist, sorgfältig nachprüfen, indem sie alle Hilfesuchenden, denen sie Heiler vermittelt hat, nach drei, sechs und zwölf Monaten erneut befragt, und möglichst später nochmals.

D.A.R.: Sie schreiben, dass Ihrem Glaubensmuster nach ein guter Heiler nicht "in Rundfunkmikrofone spricht oder sich vor eine TV-Kamera stellt". Also: Alle die Heiler, die dies je getan haben, disqualifizieren sich Ihrer Ansicht nach schon, ein "Könner" zu sein. Können Sie uns noch weitere Kriterien nennen, die ein "Könner" haben sollte bzw. was ihm verboten ist?

HW: Das ist ein Missverständnis. An der Textstelle, auf die Sie sich beziehen, frage ich, woran Hilfesuchende einen guten Heiler nicht unbedingt erkennen können - unter anderem nicht an seiner Medienpräsenz, ebensowenig an seinen Inseraten, seinen Auftritten bei Messen und Kongressen, seinen Flyern, Hochglanzbroschüren, Visitenkarten, Internetseiten, ebensowenig an seinen Honorarsätzen, seinen Titeln, seiner theoretischen Versiertheit.

D.A.R.: Sie kritisieren in Ihrem Buch Heilerverbände, welche "Prüfungen" für Heiler durchführen, welche im Prinzip nichtssagend sind. Was wollen Sie besser machen?

HW: (Die Antwort darauf entspricht dem Essay "Lieber zum ‚geprüften' Heiler?", s. Rubrik Warnungen.)

D.A.R.: Sie schreiben folgenden Satz: "Ja, wir können noch nicht einmal entscheiden, ob ausgebildete Heiler besser sind als unausgebildete". Welchen Stellenwert geben Sie sogenannten "Heilerausbildungen"?

HW: (Die Antwort darauf entspricht dem Essay über „Ausgebildete Heiler“, s. Rubrik Warnungen.)

D.A.R.: Ich möchte wetten, dass, wenn ich die IVH-Liste sehen würde, ich Ihnen über manche "herausragende Heiler" haarsträubende Geschichten von Ex-Patienten erzählen könnte. Würden Sie diese Wette eingehen?

HW: Sie wären überrascht, welche Heiler von uns nicht empfohlen werden. Hätten Sie über IVH-Heiler "haarsträubende Geschichten" zu erzählen, so würde ich Sie bitten, sich an unsere "Mediationsstelle" zu wenden, die Ihren Beschwerden nachgehen würde. Denn alle IVH-Heiler verpflichten sich auf einen Ehrenkodex, und wann immer sich ein Verdacht auf Verstöße dagegen ergibt, schreiten wir ein. Was glauben Sie: Wieviele Patienten, denen wir Heiler empfahlen, haben sich bisher mit Klagen an unsere "Mediation" gewandt, seit die IVH im Dezember 2006 die Arbeit aufnahm? Erfreulicherweise nicht einmal eine Handvoll.

D.A.R.: "Könner" herauszufiltern, ist meiner Ansicht nach ein sehr gewagtes Unterfangen. Es handelt sich ja da nur um wenige - alle anderen werden sozusagen "diskriminiert". Dann: Was ein "Könner" ist, richtet sich ja nach Ihrem persönlichen Glaubensmuster. Vielleicht würde ich selbst jemand anderes als "Könner" bezeichnen, den Sie nicht so sehen? Es ist also, wie alles im Leben, subjektiv. Daß es Objektivität überhaupt gibt, ist ja eh umstritten. Beweise - gibt es die überhaupt? Oder sind nicht alles, wie zum Beispiel Stephen Hawking sagt, lediglich Annahmen? Jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei allem, was Sie tun. Das Wichtigste finde ich, dass man etwas mit Freude und Liebe durchführt. Dann hat es schon Sinn genug gehabt. So befürworte ich auch sämtliche Heilerausbildungen, wenn es denn gelingt, dass der Teilnehmer mehr Liebe in sich entwickelt, mehr Freude und mehr Mitgefühl für den Nächsten; ungeachtet eines möglichen "Könnens" bei der Heilung eines anderen.

HW: Das sind mehrere Themen auf einmal. Zunächst nochmals zur Frage, was denn unter einem "Könner" zu verstehen sein soll: Ein Heiler kann etwas, wenn seine Taten einigermaßen halten, was seine Bezeichnung in Aussicht stellt. Und dazu genügt es leider bei weitem nicht, zu ganz viel Freude, Liebe und Mitgefühl fähig zu sein. Unter den sicherlich schon weit über tausend Heilern, die ich in den vergangenen zwanzig Jahren kennengelernt habe, fallen mir viele ein, die in diesen Hinsichten zwar über jeden Zweifel erhaben und mir deshalb überaus sympathisch sind. Aber ihre therapeutischen Leistungen sind eher peinlich, gemessen an ihren eigenen Ansprüchen.

Erfolgt unsere Auswahl "subjektiv"? In der IVH versammeln sich keineswegs meine persönlichen Favoriten. Es sind Heiler dabei, mit denen ich privat eher nichts zu tun haben möchte. Andererseits haben manche, die ich mag, die Aufnahmehürden leider nicht nehmen können. Selektiert wird hier nicht nach meinem Gusto, sondern mittels eines Verfahrens, das sich aus langjährigem Ratholen und Diskutieren ergeben hat, vor dem Hintergrund von zwei lehrreichen Jahrzehnten in der "Szene". Nicht nur 200 Heiler aus 37 Ländern tragen dieses Verfahren mit, sondern auch ein "Fachteam" aus über vierzig Ärzten, Heilpraktikern und Psychotherapeuten, außerdem ein 24köpfiger Wissenschaftlicher Beirat, unter anderem mit Professoren der Medizin, Psychologie, Physik und Theologie.

Zum Vorwurf der "Diskriminierung": Stimmt. Diese IVH muss auf reichlich Gegenwind gefasst sein - nicht nur von hartgesottenen Schulmedizinern, sondern auch aus der Esoterikgemeinde und insbesondere aus der Heilerszene selbst. Die bloße Existenz dieser IVH wird nämlich von vielen als Affront aufgefasst werden, und das nicht einmal zu Unrecht: Denn die IVH wäre überflüssig,

  • - wenn ein Großteil der sogenannten "Heiler" halten würde, was ihr Name verspricht;
  • - wenn die vielen hundert Heilerschulen, die miteinander um Ausbildungswillige wetteifern, tatsächlich einigermaßen zuverlässig fähige Heiler hervorbringen würden;
  • - wenn auf die Urkunden Verlass wäre, auf denen Heilerverbände ihren Mitgliedern Qualität bescheinigen.

Weil die IVH all das bezweifelt, wird sie für viele zum Ärgernis. Denn letztlich hinterfragt sie dabei die Legitimation gewisser Einrichtungen, sie zieht die Seriosität deren Treibens in Zweifel - und sie stört gewisse Geschäfte. Deshalb wird sie sich darauf einrichten müssen, dass sie gerade aus diesem Grund immer wieder heftig attackiert wird.

Aber nicht nur vielen Heilerschulen und Vereinen wird diese IVH missfallen, sondern auch einem Großteil der praktizierenden Heiler, und das sind inzwischen allein in Deutschland weit über 10'000. Denn wenn die IVH von 10'000 Heilern nur 100 einbezieht, fühlen sich 9900 andere womöglich ausgesperrt und „diskriminiert“; und weil die Einbezogenen "herausragend" genannt werden, dürften sich viele Ausgesperrte abqualifiziert, vielleicht sogar beleidigt fühlen.

Es ist nie erfreulich, bei seinen Mitmenschen Unmut auszulösen, wirklich Spaß macht das nur Sadisten. Aber die IVH sollte diesem Unmut nicht nachgeben, sondern ihn aushalten, mit freundlicher Gelassenheit. Wer einen Sumpf trockenlegen will - sollte er die Frösche fragen? Die IVH ist eine längst überfällige Reaktion auf fatale Fehlentwicklungen innerhalb der Heilerbewegung. Sie versteht sich als Heimat und Sprachrohr von Heilern, die eher durch Taten überzeugen als durch Theorien und Titel. Insofern ist sie elitär, und dazu steht sie. Letztlich ist die IVH aber nicht in erster Linie für Heiler da, sondern für Hilfesuchende - denn die brauchen im Dschungel der Esoterikszene dringend Orientierung. Mit anderen Worten: Die IVH versteht sich nicht als eine neue Heilergewerkschaft, sondern eher als eine Einrichtung zum Verbraucherschutz im alternativen Gesundheitswesen.

Reichlich Zuspruch von Patientenseite, den die IVH laufend in ihrem kostenlosen Online-Magazin Auswege Infos veröffentlicht, belegt eindrücklich, wie notwendig und sinnvoll eine solche Einrichtung ist. Die Lage, in der sich ein Schwerkranker in der heutigen esoterischen Heilerszene befindet, ähnelt der eines Schiffbrüchigen auf hoher See, der zu verdursten droht, obwohl er doch von unendlich viel Wasser umgeben ist. Die IVH hat sich vorgenommen - um im Bild zu bleiben -, ihm endlich zu trinken zu geben.